Dies sollte eine Reise wie jedes Jahr in den hohen Norden werden, im Land der Trolle und der Fjorde. Aufgeregt, vollgepackt mit allerlei Utensilien, auf der Jagt nach großen Fischen.
Doch es kam alles anders.
Bis nach Kiel zum Fährhafen war „fast“ alles Routine.
Bis auf ein paar kleine Irrfahrten auf ein Betriebsgelände, den roten Ampeln und der Fahrt auf einer Straßenbahnlinie. Was es hier so alles gibt? Die Kieler mögen mir verzeihen, wenn so eine Landratte wie ich in so eine Großstadt kommt. Der aus einer Gegend stammt, wo es mittlerweile mehr Wölfe, Biber, verirrte Elche und was weiß der Teufel noch , als Einwohner. Daher liebe Kieler achten sie besonders auf EE-Kennzeichen. Haben Sie etwas Geduld mit Ihnen.
Dafür können wir den Kielern, falls sie sich mal zu uns verirren, beibringen wie man sich verhält, wenn Bauer Karl wieder mal das Tor offengelassen hat und die Kühe sich selbst den Weg zur Weide suchen. Wenn du da ungeschoren durchkommen willst, musste schön sachte fahren.
Bloß keine Hektik oder gar noch Hupen oder so was. Da braucht man schon einen guten Riecher, um zu wissen wo die Viecher heute gedenken, lang zu laufen.
Ansonsten gibt es wieder mal Arbeit für Schrott-Eddi.
Das nur so am Rande.
Also, die MS Fantasie lag majestätisch am Pier, ein immer wieder erstaunlicher Anblick, ein wahrer Riese unter den Fähren. Hier standen wir nun wartend auf den ‚Check In’. Meine Crew, Sohnemann Karsten, Steffen alias Gockel und Seebär Raik, durchfuhren aufgeregt die Zollkontrolle, dann in Richtung Schiffsbauch. Der Einweiser gab uns mit einen kurzen Wink Zeichen, über die Rampe auf das Mitteldeck zu fahren.
Ich fuhr mit meinen Renault Safrane mit vier Insassen, einen großen Hänger, vollgepfropft mit Kisten und Kästen, die eher an einer 6monatigen Polarexpedition erinnern als an eine Angelreise, der Rampe entgegen. Es war eine endlose Schlange von Autos, die einer nach dem anderen, vom Bauch der Fähre verschlungen wurde. Ich legte den 1. Gang ein, und fuhr den anderen Autos hinterher. Bis zu diesen Punkt ist alles so verlaufen wie es sollte.
Aber der nächste Augenblick war der Punkt, wo das Schicksal einen anderen Weg für uns entschieden hatte.
Ich fuhr also los, bis ein jäher Stop meines Vormannes mein Adrenalinspiegel in die Höhe schießen lies. Ich stoppte mitten auf der Rampe, zum Vordermann waren nur 20cm Abstand zum Hintermann ebenso. Kein Zusammenprall, alle hatten sofort reagiert. Da stand ich nun mitten auf der Rampe, den Fuß beinhart auf der Bremse, jetzt bloß nicht zurückrollen. Die Schwerkraft zog am Wagen, unaufhörlich Richtung Hintermann. Hier war kein Spielraum mehr. Jetzt bloß nicht zurückrollen. Beim Anfahren unter Volllast heulte der Motor auf, lies langsam Kupplung und Handbremse kommen, doch dann geschah das unfassbare. Ein pfeifendes, knirschendes Geräusch, es stank nach verbrannten Gummi, eine kleine Rauchwolke zog aus dem Motorraum. Innerlich verdrängte ich dies mit den positiven Gedanken „Wird schon alles Gut gehen, wir sind doch im Urlaub“. Also erst mal die Rampe rauf und zum zugewiesenen Stellplatz.
Im Leerlauf hörte ich jedoch immer noch diese Geräusche, aber was sollte ich tun? Alles einfach Ignorieren? Das Schiff legt in 15 min ab. Wie sollte ich da eingeparkt, zwischen Hunderten Pkws, allesamt in Hektik verfallen, die Kabinen zu erreichen, nach dem Auto schauen. Nach dem Motto mit gefangen, mit gehangen, legten wir vom Hafen ab. Ein flaues Gefühl im Magen begeleitete uns während der Überfahrt. Auch das exzellente und ausgedehnte Abendessen half da nicht. Wofür wir vorher wochenlang hungerten, um dann wie die alten Germanen zuzuschlagen. Berge von zartem Lachs, allerlei Schalentiere, Rentierfleisch und nicht zu vergessen die herrlichen Desserts zum Nachtisch. Da muss man einfach zuschlagen. Selbst nach den fünften Gang guckt dich der Kellner nicht schief an, trägt brav die vollen Knochen- und Grätenteller weg.
Dafür gibt es aber auch Trinkgeld für den Klavierspieler.
Aber diesmal kam keine richtige Fresslaune auf, nach der dritten Runde war Schluss. Mit Sorgenfalten im Gesicht und der Frage „Was bringt der Morgen, lässt uns ‚Mobby Dick’ ( wie ich die Fähre nenn) wieder frei? Gingen wir zu Bett.
Zu aufgeregt um noch ein Frühstück einzunehmen, kamen wir pünktlich in Oslo an. Ohne große Worte, die Sachen gepackt und ab zum Parkdeck.
Kommen wir von der Fähre? Einsteigen, starten, Gang einlegen und.... und wir fuhren durch den Zoll und entschieden uns weiterzufahren. Die nächsten Passagen während der ca. 800km Reise überspringe ich. Nur soviel, wir fuhren mit Bedacht, als lauere hinter jeden Strauch eine Wildschweinrotte die zum Angriff übergeht.
So zottelten wir über das wunderschöne Land, immer nordwärts, der Insel entgegen.
Doch wieder kam es anders. Ca. 80 km vor unserem Ziel versagte die Technik nun entgültig sein Geist. Die Kupplung war starr wie angeschweißt, kein Gang mehr einlegen, geschweige denn weiterfahren. Da saßen wir nun, fernab der Heimat, die Stimmung auf Null tendierend, Schuldzuweisung suchend. Keine Menschen Seele, auf den abgelegenen Straßen im hohen Norden Norwegens. Also teilten wir uns, jeder in einer anderen Richtung, hilfesuchend.
Ich fand in einen Schuppen einen Bauer, der trotz Sprachprobleme mein Problem verstand und mir folgte. Hier hilft nur noch abschleppen, gab er uns zu verstehen.
Aber wo gibt es hier Werkstätten, wie kommen wir auf unserer Insel, was wird aus unseren Angelurlaub? Wie kommen wir Heim? Fragen über Fragen taten sich auf!
Doch wir haben nicht mit der Gastfreundschaft dieser wunderbaren Menschen gerechnet,
Bauer Karl (erinnert mich so an die Heimat) verschwand, kam nach kurzer Zeit mit ein Bulli Baujahr 80 um die Ecke geknattert, tüttelte mir ein Seil alla „Weeerner“ um die Stoßstange und gab mir zu verstehen das er uns zum Fährhafen ziehen wird. Wir überglücklich die Reise doch noch fortsetzen zu können, stiegen in das Auto. Der VW Bulli heulte kurz auf, das Seil spannte sich verächtlich und setzte sich Gang. Das Gespann Bulli, Safrane und Hänger nahm den Weg über viele Berge und Täler, immer mit den Fuß auf der Bremse, endlose 80km, bis zum Hafen.
Angekommen mit schmerzhaften Wadenkrämpfen von der vielen bremserei aber dennoch überglücklich es bis hier geschafft zu haben,
verabschiedeten wir uns von ‚KARL’.
Ich fragte nach den Kosten. Aber es kam nur eine wilde abwertende Geste mit den kurzen Worten „No, No“, drückte uns die Hand,
verschwand in sein Bulli und fuhr davon.
Jetzt, nur noch zwei Fährüberfahrten, das Ziel vor Augen, lebte der Optimismus wieder auf. Immer noch mit dem Abschleppseil am Auto, fuhr neben uns ein weiterer Pkw, ein Geländewagen aus Deutschland. Was haben wir auch für ein Glück, der zieht uns bestimmt auf die Fähre. Der Fahrer stieg aus, sah das Seil und fragte mich „ Habt wohl n’en Problem“ auf urbayrisch. Bevor ich auch nur „Ja“ sagen konnte, stieg er schon wieder in sein Auto.
Die Fähre kam pünktlich auf die Minute, die Klappe senkte sich und unser „Landsmann“ fuhr auf die Fähre, ohne die geringste Anstalt zu machen uns zu helfen! Wir noch baff von so viel Arroganz, rafften all unsere Kraft zusammen und schoben das Auto samt Hänger, die Rampe bergauf, auf die Fähre. Schnaufend, aber Stolz wie „Oskar“ gab ich unseren „Landsmann“ zu Verstehen das wir unser Auto immer so transportieren.
Mit einen Anruf zu unseren Vermieter ARVE, schilderten wir die Situation und er setzte sofort alles in Gange, mit Hilfe seiner Familie, uns auf seiner Insel zu holen.
Somit stand schon sein Sohnemann im Hafen und zog uns weitere 15km über Land, zum nächsten Übersetzhafen. Wir immer noch in Gedanken, wie gastfreundlich die Norweger und wie Arrogant die Deutschen sind, begrüßte uns ARVE im Hafen mit “Herzlich Willkommen“.
Arve zieht uns von der Fähre
Setzte sich in seinen Traktor, zog uns von der Fähre über die schmalen Straßen der Insel Storfosna, zu unserer Angelhütte. Die Inselbewohner schauten uns mit fragenden Blicken hinterher „ Was hat denn der Arve da wieder gemacht? Ist das sein neuer Service Angler zu befördern?“ Egal, wir waren endlich am Ziel!
Was nun folgt, sind eine Reihe von Anekdoten die allesamt eine eigene Geschichte Wert sind.
Ich denke da an die versteckte Werkstatt im Kuhstahl, hinter den sieben Bergen, wo die Elche sich Gute Nacht sagen. Oder den Versuch, uns mit einer Trans All vom näheren Militärflugplatz nach Haus zu bekommen. Nur soviel sei verraten, durch ARVE seine unermüdliche Hilfe waren wir drei Wochen auf seiner INSEL „Gefangen“, haben eine unwahrscheinliche Gastfreundschaft erlebt. Ohne ARVE würden wir wahrscheinlich heute noch auf der Insel sitzen.
Die Abende mit selbstkreierten Tee aus ‚Nimm 2 ’ Fruchtbonbons, der morgendliche Gang zum Kuhstahl um frische Milch zu holen, die Krankenbehandlung mit Omas Geheimtinkturen, die neuen kreativen Essenrezepte aus Restbeständen und vieles mehr, werden wir niemals vergessen.
Gockel bei der Krankenbehandlung
Wir wurden im Stich gelassen, von den sogenannten gelben Engeln, von den Versicherungen, den Werkstätten, der Post, haben Probleme mit den Zoll und Behörden ausstehen müssen.
Vieles entstand einzig aus der Tatsache, das ich ein Auto fuhr, das in Norwegen nicht eingeführt wurde und demzufolge es auch keinerlei Ersatzteile gab bzw. Norwegen nicht zu Europa gehört.(Muss ich wohl im Unterricht was verpasst haben, oder?!)
Da sich auch nach drei Wochen keine Besserung unserer Lage auftat, entschloss sich unserer Arve, zu einer, für deutsche Verhältnisse ungewohnte Tat.
Er kam eines Abends zu uns auf die Hütte und sagte“ Du, kein Problem mehr, habe für EUCH ein Auto gekauft. Damit kannst du in Heimat fahren!! Wir alle vollkommen baff, konnten es gar nicht glauben. Aber vor der Tür stand ein Opel Kadett mit Anhängekupplung. Ein kurzes Schriftstück machte diese Auto zu meinen. Wir orderten kurzerhand die Fähre und fuhren nach drei Wochen endlich wieder der Heimat entgegen.
Der Opel bringt uns Heim
Das ich mit einer anderen Reise dann doch noch mein Auto geholt habe und ich wiederum nicht nach Hause kam, ich noch zwei Pannen erdulden musste bevor ich endlich wieder mit mein Auto daheim war. Dabei in Dänemark mit einem Polizeiauto quer über die Autobahn fuhr um abzukürzen, ist eine andere Geschichte.
Ach ja, und was war mit Fisch?
Zwischen den ganzen Trubel um das Auto, habe ich so ganz nebenbei meinen größten Fisch gefangen.
Es war ein Leng von 1,65 m Länge und 28,5 Kilo aus 320m Tiefe!
Karsten, Raik, Ich, Gockel mit meinen Leng
Foto Arve
Wale um uns
Als Sahnehäuptchen kam noch ein Erlebnis mit Walen, die sich um unser Boot getummelt haben. Das Schicksal hat es doch Gut mit uns gemeint. Somit war dies der schönste Urlaub den ich je hatte. Ich habe eine ganze Reihe von Menschen kennengelernt, die ohne wenn und aber, uns jede erdenkliche Hilfe zuteil werden ließen. Von diesen wunderbaren Schlag Mensch, können wir noch viel lernen oder haben wir dies nicht auch mal so gehandhabt und wir haben es nur verlernt?
Diesen Artikel widme ich gemeinsam mit meinen Angelfreunden
ARVE HOLMEN auf der Insel Storfosna.
Besonderen Dank auch seiner Familie, die uns mit allem Unterstützte, was das Leben so braucht. Dem Bauer „Karl“ der uns so unermüdlich zum Hafen gezogen hat. Dem COOP Ladenbesitzer der für die Faxschreiben zwischen Deutschland und dem Zoll zuständig war und mich mit norwegische Moltebeeren Marmelade fit hielt. Den Fährleuten, die uns auch außerhalb der Dienstzeit von und nach der Insel fuhren. Andree´s Angelreisen der sich um die Rückreise und wieder Hinreise kümmerten. Annelise Cortese von der Königlich Norwegischen Botschaft, die es möglich machte, das unser Arve ein Dankesschreiben von der norwegischen Regierung erhielt.
So wie vielen anderen ungenannten Personen.
Euer Andi